POTSDAM, WO ES AM SCHÖNSTEN IST - DER BASSINPLATZ
von Dr. H. A. Kremer
So sitze ich nun bei kaltem Wetter auf einer
Bank auf dem größten Platz der Stadt, fast vier Fußballfelder
groß.
Seine Geschichte beginnt vor 250 Jahren, im Zuge der zweiten barocken
Stadterweiterung durch den Soldatenkönig Friedrich Wilhelm
I.
Es mussten damals weitere Areale der Stadt trockengelegt bzw. drainiert
werden. So entstand dieser Teich, fast schon ein kleiner See. Auch
andere Plätze in Potsdam verdanken ja ihre Entstehung einem
feuchten und sumpfigen Untergrund. Die Geschichte des Platzes setzt
sich fort mit der Randbebauung nach französischen, holländischen
und italienischen Vorbildern.
Später, 1875, wird das Wasser dann
ganz verschwinden zugunsten eines "Platzes". Es werden
im Laufe der Zeit zwei Kirchen erbaut, später die Halle eines
riesigen Busbahnhofs. Die damalige Trockenlegung des sumpfigen Stadtbezirks
ließ das "Bassin" als Auffangbecken entstehen, zusammen
mit der Ableitung durch den Behlertgraben in den Heiligensee und
einer weiteren in den Stadtkanal. Dies war die Voraussetzung zur
Errichtung des Holländischen Viertels an der Nordseite. Die
West- und Südseite des großen Rechtecks ließ der
König dann mit den Typenhäusern der zweiten Stadterweiterung
einfassen. Im Osten begrenzte die Stadtmauer das Areal. Mein Blick
geht hinüber zum Sowjetischen Ehrenfriedhof hinter der Kirche
„St. Peter und Paul“. Er wurde 1946 angelegt, über
dreihundert Tote liegen dort, jedes Grab mit einem Stein und einem
Pflanzbett. Sie fielen im Kampf um Potsdam irgendwo in der Stadt,
kurz vor dem Ende des Krieges. Ein Obelisk erhebt sich in der Mitte,
das Symbol der Ewigkeit...
An dieser Stelle also stand die Gloriette,
die Georg Hermann, der Potsdamer Chronist vor einem dreiviertel
Jahrhundert noch sah. Ein kleiner Ziegelbau mit geschweiftem Dach
und einer Laterne obenauf, mitten in dem großen ovalen Becken,
das wegen seines geschweiften Randes einst „Bratenschüssel“
getauft wurde. Es gibt die Legende, dass besagter Soldatenkönig
in der Gloriette sein Tabakskollegium abgehalten habe. Aber das
stimmt wohl nicht ganz. Johann Boumann, der Ältere, ein Holländer
aus Amsterdam, soll das Häuschen gebaut haben. Ein Mann, „der
sich die Architektur angewöhnte“, wie Georg Hermann schreibt.
“Es fehlte ihm der Funke“, setzt er noch hinzu; aber
Kunststück, wenn er ihn ausgerechnet mit v. Knobelsdorf vergleicht,
der nicht nur Schloss Sanssouci entwarf, sondern auch die Französische
Kirche an der Südost-Ecke des Platzes. Diese scheint nicht
für diesen Platz gemacht zu sein. Ihre vornehme Tempelfront
wendet sich ab, der Französischen Straße zu. Der 1753
fertig gestellte Rundbau mit seiner Kuppel aus Kupferblech wurde
nach dem Vorbild des Pantheon in Rom entworfen, allerdings ein paar
Nummern kleiner. Vor die hellen Putzmauern dieses „Pantheons“
schieben sich heute die Baumkronen des Soldatenfriedhofs und vor
allem das mächtige Ziegelmassiv von St. Peter und Paul. Diese
katholische Kirche wurde 1867 von Stühler und Salzenberg nach
dem Vorbild von Sankt Zeno in Verona erbaut. Sie gibt dem Blick
einen Halt- und Ruhepunkt .
Auch dieser Bau ist eine Pfahlgründung, wie fast alle anderen
Gebäude hier. Doch zurück zu Johann Boumann. Dieser leitete
den Bau des Holländischen Viertels auf der Nordseite des Platzes.
1742, nach acht Jahren Bauzeit, war es dann endlich fertig. Der
Soldatenkönig hat dies nicht mehr erlebt.
134 schmucke Ziegelhäuser mit und ohne geschweiften Giebeln,
hölzernen Portaldekorationen, grün und weiß bemalten
Fensterläden, standen sie bereit für die holländischen
Handwerker, die der König anwerben ließ. Er brauchte
sie dringend für die Melioration von Stadt und Umland Obwohl
sie mancherlei Privilegien erhielten, fanden sich dennoch kaum zwei
Dutzend Familien ein. So verschenkte er einen Großteil der
Häuser an die Grenadiere seines Leibregiments. Es wird schon
ein schönes Bild gewesen sein, als sich die roten Ziegelfassaden
mit ihren weißen Fugen im Wasser des Bassins spiegelten. Jedoch
nicht lange, dann verlandete das Becken wegen des schlechten Abflusses
immer mehr. Es bildeten sich Schilfgürtel, in denen Blesshühner
nisteten und Frösche quakten. Ein Biotop mitten in der Stadt,
das jedoch brackig wurde und „üblen Dunst“ verbreitete.
Nach dem Siebenjährigen Krieg ließ Friedrich der Große
das Bassin reinigen, es mit einer Sandsteinmauer und einem Geländer
umfassen. Weiter veranlasste er, die Häuser an der Süd-Seite
abzubrechen und durch größere zu ersetzen, mit repräsentativen
Fassaden aus der spätbarocken Formensprache italienischer und
französischer Stadtpaläste. Die Architekten Carl von Gontard
und Christian Unger, beide zuvor am Hof von Bayreuth tätig,
waren für Entwürfe und Durchführung zuständig.
So entstanden am Bassin, wie in vielen anderen Straßen der
Stadt, jene verkleinerten Palast-Kopien, die für das Auge eine
Lust, für die Bewohner mitunter eine Last waren, zumindest,
wenn sie sich in den niederen Zwischengeschossen wiederfanden. Unser
Autor Georg Hermann hat sie noch gekannt, diese prachtvollen Häuser
der Südseite. Das schönste unter ihnen hat Carl v. Gontard
nach dem Vorbild des Palazzo Salviati in Rom entworfen. Diese ganze
Häuserzeile fiel 1945 den Bomben zum Opfer. Ich lese weiter
bei G. Hermann „Hier am Bassin stehen noch ein paar schöne
Fassaden italienischer Patenschaft, aber sie sind uns im Augenblick
nicht so nah mehr, weil uns die Brücke zur Gegenwart fehlt“.
Die Brücke zur Gegenwart !... Er konnte nicht ahnen, wie sehr
uns eines Tages noch diese Brücke fehlen würde. Wie sehr
wir die Brücken im Kopf bauen müssen, um uns in nicht
mehr existente Straßen und Plätze hineinzuversetzen!
An der West-Seite endlich wurden die bestehenden Typenhäuser
durch Friedrich den Großen ebenfalls abgebrochen, die Fundamente
neu gegründet. Diesmal entwarf von Gontard dreigeschossige
giebelgeschmückte Backsteinbauten mit deutlichen Anklängen
an die Amsterdamer Architektur des 17.Jahrhunderts. Nirgendwo in
Potsdam oder Berlin gibt es sonst Bauten dieses „Stils“.
Friedrich II hat hier wohl das Faible seines Vaters für Holland
aufgegriffen und so den Übergang von “Holland“
(Nordseite) zu „Italien“ (Südseite) harmonisch
gestaltet.
König Friedrich Wilhelm II ließ dann durch Lenné
den Platz umgestalten, das Bassin wurde stark verkleinert, dichte
Baumreihen säumten es. 1875 wurde diese Wasserfläche dann
völlig zugeschüttet, aus Gründen der Hygiene, „auf
polizeyliche Anordnung“. Dazu noch mal Georg Hermann: „Der
Bassinplatz hat sicher eingebüßt, seitdem er Platz wurde.
Diese Gloriette war überall einst von Wasser umgeben, solche
Art von Teehaus, wie man es in Holland liebt, in den Teichen der
großen Besitzungen. Heute aber steht das Häuschen etwas
vereinsamt und beziehungslos da, mitten auf dem Platz ......
Mein Blick wandert noch einmal vom Norden,
vom Holländischen Viertel, zum Süden, wo heute statt der
Barockfassaden Wohnbauten aus DDR-Zeiten stehen. Man hat sie nach
der Wende postmodern verschönert; ob sie dadurch wirklich schöner
wurden? Doch die Leute wohnen gern dort und das ist das Wichtigste.
Auf diesem Platz, das spüre ich jetzt,
ist wenig natürlich und selbstverständlich gewachsen.
Vieles erscheint künstlich. Ich spüre hier, wie oft in
Brandenburg, diesen starken Willen, sich selbst, den Bewohnern und
dem Land etwas abzuringen. Unter großer Anstrengung und gegen
Widerstände. Den Willen, sich und seine Umwelt zu bilden und
zu kultivieren. Wobei sich dann unbemerkt, neben dem Nützlichen
und Zweckmäßigen auch Anmut und Leichtigkeit einstellen
können... Eben "...Utile cum dulci..."

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